Pferdeausbildung ist aus meiner Sicht keine Frage von mit Gebiss oder ohne, sondern ganz einfach eine Konditionierung des Pferdes auf bestimmte Signale. Ich gebe dem Pferd Signale und wenn es die gewünschte Reaktion zeigt, wird es gelobt. Zeigt es nicht die richtige Reaktion, wird nicht weiter reagiert, sondern weiter nach einem Weg gesucht, mit einem Signal die richtige Reaktion aus dem Pferd herauszukitzeln. Das Pferd lernt also, wenn es auf Signal x entsprechend reagiert, hat das positive Konsequenzen.

Merke: Der Lerneffekt ist immer größer, wenn ich dem Pferd durch Lob zeige, was es richtig macht, statt durch Strafe zu zeigen, was es falsch macht

Ausbildung mit oder gar ohne Gebiss?

Nun geht es in diesen Artikel ja um die Frage Gebiss oder gebisslos. Grundsätzlich kann ich ein Pferd komplett ohne Gebiss ausbilden. Da es traditionell aber so stark in der Pferdeausbildung verankert ist, brauche ich es spätestens dann, wenn ich mein Pferd in klassischen Leistungsprüfungen (Dressur, Springen) vorstellen möchte. Das stellt so machen vor einen Zwiespalt.

Nachgefragt bei Karolin Köhler

Über diesen Zwiespalt habe ich mit Karolin Köhler, Ausbilderin für gebissloses Reiten, gesprochen. Auch sie steht vor dem Dilemma. Sie möchte ihre Pferde gerne auf Turnieren vorstellen. Karolin sagt, wer sich „mit der Anatomie des Pferdemauls, pathologischen Studien und den Auswirkungen eines Gebisses auf das Pferd beschäftigt, muss eigentlich zwangsläufig zu dem Entschluss kommen, gebisslos zu reiten.“

Ich muss Karolin schon mal in einem Punkt zustimmen: Je mehr man sich mit verschiedenen Themen rund um das Pferd beschäftigt, desto mehr fängt man an, zu hinterfragen. In Bezug auf das Gebiss bin auch ich auf die Frage gestoßen, wie ich die Brücke schlagen kann, dem Pferd das Gebiss oder die negativen Auswirkungen zu ersparen und trotzdem noch an Turnieren teilzunehmen. Andersrum kann ich natürlich auch gebisslose Zäumungen falsch anwenden oder mit einer unruhigen Hand Schaden zufügen.

Gebisslos Reiten schult den Reiter

Karolins Erfahrung zeigt, „dass das gebisslose Reiten den Reiter schult und ihn lehrt mit seinem Körper zu reiten und nicht mit den Händen.“ Dabei ist die Anleitung eines erfahrenen Ausbilders sehr wichtig, damit Fehler vermieden werden können.

Zum Thema mit Gebiss aufs Turnier, hat Karolin für sich einen guten Weg gefunden. Am besten bereitet man die Pferde ohne Gebiss vor, bildet sie hauptsächlich ohne Gebiss aus. Sie lernen so bei einem fachkundigen Reiter sehr fein auf die Körperhilfen zu reagieren. Da macht es für das Pferd kaum einen Unterschied, ob es für das Turnier dann ein Gebiss verpasst bekommt, denn es wird, so soll es so oder so immer sein, vorherrschend mit den Gewichts- und Schenkelhilfen geritten. Das Gebiss liegt bei einer entsprechend ruhigen Hand ruhig im Maul und gibt nur ganz kleine und feine Signale. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich das Pferd auf seinem Weg der Ausbildung natürlich auch mit dem Gebiss konfrontiert habe. Denn wenn es das Metallteil im Maul nicht kennt, wird es sicher erstmal etwas überrascht darauf reagieren 😉.

Handunabhängiges Reiten ist das A und O

Zum Schluss möchte ich noch einmal betonen, dass gebisslos nicht die Ausrede für eine unruhige Hand sein darf. Diese schadet dem Pferd mit und ohne Gebiss. Es ist die Pflicht des Reiters immer daran zu arbeiten seine Hilfengebung zu verfeinern und den handunabhängigen Sitz zu schulen. Wie Karolin sagt: „Es kommt immer auf die führende Zügelhand an.“ Das oberste Ziel liegt für sie darin, die Handeinwirkung stetig zu minimieren. Und das sollte auch stets euer Ziel sein!

Lest weiter im zweiten Teil zum Thema Gebiss oder gebisslos: „Feines Reiten ist unabhängig vom Gebiss!“

 

Ich danke Karolin Köhler für die vielen Antworten, die sie auf meine Fragen für diesen Artikel hatte. Lest mehr über sie im Artikel „Karolin Köhler – Ausbilderin, Fütterungsberatung, Markenbotschafterin“.